Sollte psychisch kranken Menschen der Zugang zu assistiertem Suizid gestattet werden?

In unserer Sonntagssitzung vom 02.06.2019 wurde ausführlich über das Thema „Sterbehilfe“ und den aktuellen Regularien in Deutschland diskutiert. Als allgemeiner Tenor wurde sich für den assistierten Suizid ausgesprochen, bei welchem einem Menschen Beihilfe zum Suizid unter ärztlicher Obhut gewährt wird.

Es hat sich jedoch ein Punkt in dieser Diskussion herauskristallisiert, welcher nicht klar beantwortet werden konnte – sollte es auch psychisch Erkrankten gestattet werden, den assistierten Suizid nutzen zu dürfen?

 

In erster Linie lässt sich sagen – jeder Mensch hat ein Recht auf Selbstbestimmung, wer den Freitod wünscht, kann dafür nicht juristisch belangt werden.

Das Problem bei dieser Diskussion bezieht sich jedoch darauf, dass es für die meisten Menschen, welche weder psychisch krank sind/waren, noch einen direkten Bezug zu diesem Thema haben (Angehörige, Freunde, Arbeit etc.) Schwer nachvollziehbar ist, wie akut der Todeswunsch sein kann. Zumindest im Vergleich zu somatischen, also organischen, Erkrankungen.

Jeder hatte schon einmal Schmerzen, starke Übelkeit und Erbrechen oder andere körperliche Beschwerden, welche sehr belastend waren. Bei Menschen mit tödlich verlaufenden Erkrankungen, sei es Krebs im Endstadium oder einer ausgeprägten Parkinsonerkrankung, sind diese Symptome um ein Vielfaches stärker ausgeprägt und lassen sich teilweise nicht mit Medikamenten zufriedenstellend behandeln. Daher kann auch jeder den Wunsch nach Selbsttötung in irgendeiner Weise nachvollziehen, auch wenn er dies aus persönlichen Gründen vielleicht nicht befürwortet.

Doch wie ist es bei psychischen Erkrankungen? Jeder war mal „schlecht drauf“, hatte keine Lust auf Schule, Arbeit, Uni und/oder andere Menschen. Doch inwieweit kann jemand so krank sein, dass man sich aufgrund einer Depression den Tod wünscht? „Geht das“ überhaupt oder ist es schlichtweg eine Übertreibung? Und gibt es dagegen nicht unzählige verschiedene Pillen? Es gibt doch viele Dinge, für die es sich zu Leben lohnt: Familie, Arbeit, Freunde, Reisen etc.

Meine Antwort lautet: Ja, „das geht“. Auch wenn die Psychiatrie noch eine recht junge Disziplin der Medizin ist und vor allem erst ab Mitte des 20.Jahrhunderts einen Aufschwung bekam, gibt es dennoch Patienten, welche ab einem bestimmten Punkt austherapiert sind. Patienten, welche schon jedes mögliche Medikament ausprobiert haben und sich seit Jahren in psychotherapeutischer Behandlung befinden, eventuell auch andere Therapien, wie die Elektrokrampftherapie (EKT), mit allen ihren Komplikationen und Nebenwirkungen, genutzt haben. Und wie stark muss ein Leiden sein, dass man sich freiwillig Strom durch den Kopf jagt? Dennoch überwiegen die Symptome ihrer Erkrankung so stark, dass sie – in ihren Augen – kein würdiges Leben führen können. Jeder Gang aus dem Bett ist eine Qual, jede Interaktion mit anderen Menschen bringt dich zum schwitzen und weinen, als hättest du gerade einen Horrorfilm gesehen, und jedes Geräusch eines vorbeifahrenden Autos lässt dich zusammenschrecken, scheinbar ohne Grund. Du triffst Freunde, schaust einen lustigen Film, kannst dich für eine Runde Sport aufraffen und spürst – nichts. Eine innere Leere, eine Gefühlsarmut, welche du eventuell schon einmal nach einer Trennung oder dem Tod eines geliebten Menschen gespürt hat. Doch dieses Gefühl verschwindet nicht nach einer Zeit, es begleitet dich deinen gesamten Alltag, mal mehr, mal weniger stark. Und nicht nur Tage, sondern Monate, Jahre.

Du findest keinen Sinn mehr in deiner Arbeit, deinem weiteren Leben, deine Mitmenschen sind dir egal, deine Kinder bedeuten dir nichts, und am wenigsten du selbst. Du könntest dir Schnitte, Bisse oder Verbrennungen zufügen, um zumindest kurzzeitig wieder „etwas“ zu spüren, doch auch dies wird irgendwann zur Normalität. Du leidest allein durch deine Existenz, auch wenn es dir körperlich eigentlich ganz gut geht.

Ich persönlich kenne diesen Zustand nicht, und wünsche mir, niemals an diesen Punkt zu gelangen. Doch habe ich bereits Patienten kennen gelernt und versorgt, welche genau diesen Zustand beschreiben. Egal ob jung oder alt, „glücklich“ verheiratet oder langjähriger Single, egal ob Reinigungsfachkraft oder erfolgreicher Geschäftsmann. Die meisten dieser Patienten konnten nach einigen Wochen oder Monaten „gut“ entlassen werden, haben uns eventuell erneut besucht, aber konnten zumindest bis zu einem gewissen Punkt wieder normal leben.

Doch einige Wenige nicht.

Und diesen Menschen möchte ich ihren Wunsch auf Erlösung weder absprechen noch die Möglichkeit nehmen, ihr Leben selbstbestimmt in einem geschützten Rahmen zu beenden.

 

Daher unterstütze ich den assistierten Suizid bei austherapierten psychisch Erkrankten.

 

Nico M.

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